
ISBN 3-8267-5139-6 · 13,40 €
Mein „Erstlingswerk“
Mein Roman Nudité – Parfum der falschen Hoffnung ist 2002 bei Fouqué erschienen – und derzeit nur noch bei mir persönlich erhältlich.
Er erzählt die Geschichte einer toxischen Freundschaft und einer davon bedrohten großen Liebe.
Leseprobe
1 – Vera
Als ich 15 war und meine Sexualität erwacht, machte ich Bekanntschaft mit etwas in mir, was ich in unglücklichen Zeiten als Dämonisch bezeichnete.
Ich habe im Laufe der Jahre gelernt damit umzugehen, und heute bin ich versöhnt. Es passiert nur noch selten und dann alibihaft, dass ich diese Seite meiner Existenz beleidige. Ich behandle die lächerlichen Anwandlungen der Scham, die mir einreden, ich müsse kanonisch darauf reagieren, wie die Besuche des Gottesdienstes. Ich glaube fest, ich komme auch ohne sie aus.
Wir waren mit ein paar Freunden auf dem Weg vom Martinszug nach Hause. Mein Kopf war überfüllt mit geheimnisvollen Bildern; die Dunkelheit und die frische Kühle der Nacht mischten sich mit den Erinnerungen an die bunten Papierlichter und die Fackeln der Feuerwehrmänner, die einen rußigen Geruch verströmten, der über dem gesamten Dorf lag.
Mein bester Freund hieß Elmar, er ging neben mir. An den Namen seines Bekannten erinnere ich mich nicht mehr, ich mochte ihn nicht. Das hatte nichts damit zu tun, dass er Händchen haltend mit ihr vor uns her spazierte, ich kannte sie ja erst seit einer Viertelstunde. Er war mir zu groß und zu schlaksig, sein Blick war seltsam ausdruckslos.
Veras Augen dagegen waren das reine Buch. Anfangs schaute sie mich eher zufällig einmal an. Sicher wollte sie nur gerade wissen, wer ich bin; wir sahen uns ja zum ersten Mal an diesem Abend. Und während des Martinszuges hatte sie sich ausschließlich mit diesem Typen beschäftigt, er war immerhin ihr Freund.
Das änderte sich, sobald wir von der Hauptstraße den Weg in ein schmales Gässchen nahmen. Die mannshohen ungeputzten Mauern rückseitig der Gärten und die wehrhaft dichten Hecken standen sich so eng, beinahe drohend gegenüber, dass sie uns zwangen, die Marschordnung aufzugeben. Vera hielt diesem Kerl zwar noch die Hand, aber sie fiel auf meine Höhe zurück. Und mit ihrer unmittelbaren Gegenwart drangen jäh ihre Körperbewegungen, ihr Gehabe und ihre Gesichtszüge in meine Wahrnehmung. Die Enge der Umgebung ließ mir keine andere Wahl, als mich mit ihren Signalen auseinander zu setzen. Außerdem waren es zu viele und zu deutliche Hinweise ihrer Existenz, als dass ich länger den Unbeteiligten hätte spielen können, ohne lächerlich zu wirken. Vera war mir in diesen Augenblicken näher als ihrem Freund, dessen Hand sich fester um ihre zusammenzog. Da ich keine Ambitionen auf Vera hatte, benahm ich mich völlig locker. Ich weiß es nicht mehr genau und es ist auch unbedeutend, viel zu lange her – aber es muss meine unbefangene Art gewesen sein, die das Mädchen in einer Weise auf mich aufmerksam machte, die alles, was dann folgte, begünstigte.
Wir verließen das Gässchen, und unsere Wege hätten ihre alte Ordnung wieder finden können. Aber stattdessen ergab sich ein ständiger Wechsel unserer Positionen. Mal war Vera vor mir, dann tauchte sie an meiner Seite auf, jetzt spürte ich sie in meinem Rücken; sie kreiste förmlich um mich herum. Ihr Freund hatte den Griff aufgegeben, es war mir einerlei, was er dachte.
Veras dunkle Blicke trafen mich aus allen Lagen. Ich registrierte sie mit zwar wachsendem Interesse, aber sie drangen noch nicht zu mir durch, sie schlugen außerhalb meiner Festung auf.
Vera zog an mir vorüber wie in einem Kaleidoskop; ganz nah, aber ungreifbar für mich. Ihr Freund war stofflos geworden, die Farben des Mädchens, das ausschließlich noch auf mich zu reagieren schien und sich nach meiner Mimik und nach meinen Worten bewegte, überstrahlten sogar Elmar.
Eine gute Zeit lang drangen nur ihre Augen in mein Bewusstsein.
Mit einem Mal aber nahm sie eine komplette Gestalt an. Ich notierte ihr schulterlanges, dunkelbraunes Haar, es war viel Haar, viel mehr, als ich von den Mädchen in unserem Ort gewohnt war; Vera hatte eine volle Masse glänzendes braunes Haar. Beim Hinschauen spürten meine Hände die betörende Fülle. Ich stellte mir das Wühlen darin saftig vor, so, als bisse ich in ein fettes Stück Grillfleisch.
Ihre Brüste waren weit entwickelt, aber darauf war mein pubertäres Erwachen nicht eingerichtet, ich hatte nicht einmal Angst davor.
Schon bei Monika, meiner Freundin, war der Busen wie eine Begebenheit in einem Film der Erwachsenen, die ich nicht verstand, für die ich noch keine eigenen Fragen bereithielt.
Aber für Veras Mund wusste ich eine Beschäftigung. Ich kann nicht behaupten, ich hätte jede Menge Erfahrung im Küssen gehabt. Aber seit ich Martina in eine dunkle leere Garage gezogen und mit brennenden Händen an mich gepresst hatte, funktionierte dieser Teil ganz ordentlich.
Veras Lippen versprachen mehr als zaghafte Berührungen und Liebkosungen; sie waren nicht voller Vorbehalte und Distinguiertheit wie die zarten Münder der schmallippigen Porzellanfiguren, die meinen Beschützerinstinkt ansprachen und mir Glauben machten, solche Wesen seien mit ihren feinen Linien etwas Besseres, die Erfüllung meiner tiefsten Wünsche.
Veras Mund war ein Standpunkt. Er gab offen zu, nicht reden, sondern küssen zu wollen, hier und jetzt, heute Abend, immer. Diese Botschaft zerschlug zuverlässig jeden meiner Versuche, mich von dem verbotenen Zauber zu lösen und die vorgefundene Konstellation weiter zu akzeptieren.
Es war nicht brüderlich, dass ich mir wünschte, Vera möge wieder an die Hand dieses Typen zurückkehren, es war Feigheit. Denn meine Nonchalance bekam erste, ernste Risse. Längst hatten Veras Geschütze die richtige Justierung, meine Festung in Gefahr zu bringen, erste Brandbomben schlugen in meine geheimsten Kammern ein, das Teuflische daran war, dass sie gut rochen.
Aber ich hatte verdammtes Glück. Wir erreichten die Kreuzung, an der sich unsere Wege trennten. Und wie durch Geisterhand wurde ich zu Elmar geschoben, während Vera sich reumütig in die Fänge ihres säuerlich gewordenen Freundes begab. Äußerlich war also nichts geschehen. Es sah alles danach aus, als gingen wir, jeder in seine Position verwiesen, friedlich unserer Wege.
Wäre da nicht ihr Blick zum Abschied gewesen. Diesmal traf der Angriff mich mit voller Wucht. Ich wusste, noch während ich dieses pausenlose Feuern ihrer Augen mit Begriffen zu belegen versuchte, dass der kümmerliche Rest an Widerstand, der noch in mir war, wie ein Kartenhaus zusammenbräche. Und ich wunderte mich nicht mehr darüber, dass ich nur dastand und mit den Schultern zuckte. Es war nicht mehr meine Schuld. Ein ausgewachsener Mann hätte diese Aufforderung zum Anlass genommen, über Vera herzufallen, er hätte nichts zu befürchten gehabt.
Dann war sie weg.
Aber in mir tobte ein aussichtsloser Kampf. Je weiter sie sich körperlich von mir entfernte, desto mehr machte Vera sich in meinem Innern breit. Ich kramte die Bilder der letzten halben Stunde zusammen und warf mich mit weit ausgebreiteten Armen schützend darüber. Ständig kamen neue hinzu und ließen diesen Mädchenberg größer und größer werden. Meine Phantasie hatte, wieder einmal, das Kommando. Noch war ich längst nicht so philosophisch, sie als meine „beste Freundin“ zu bezeichnen, und mir war auch nicht klar, dass sie lange die einzige Frau in meinem Leben sein würde, der ich ewige Treue versprach. Aber diese Phantasie durfte bereitwillig vollenden, was Vera angezettelt hatte.
Zu Hause suchte ich schnell die Einsamkeit. An eine unauffällige Rolle im Familienkreis war nicht zu denken. Ich wäre gnadenlos aufgefallen mit meiner Nervosität; die Spannung meiner Gedanken war zu hitzig, als dass ich hätte ruhig vor dem Fernseher sitzen können und die klugen Kommentare meines Vaters ertragen.
Ich legte mich mit dem eilig geschmierten Schinkenbrot auf mein Bett und zog mich zu einem Fragezeichen zusammen.
Hier gab ich mich hemmungslos geheimsten Gedanken hin. Ich ließ sie über mich herfallen wie der zurückgelassene Soldat in Feindesland sich dem Tod hingibt. Ich erlaubte ohne Umwege die kühnsten Bilder; jetzt, wo Vera ungefährlich weit weg war, erschuf ich sie in einer virtuellen Nacktheit, mit der umzugehen ich aus Magazinen gewohnt war. Ich verteilte meine Geilheit gleichmäßig in mir und wärmte mich daran. Es wurde Zeit, dass ich die Toilette erreichte.
Aber die Erleichterung war trügerisch. Vexatorisch zerrte mich die Erinnerung an Vera von einem Ende der Wohnung zum anderen, und schließlich zog sie mich zu einer ungeheuerlichen Tat.
Ich weiß heute nur noch, dass ich nicht darüber nachdenken brauchte, ich ließ mich treiben von einem unbezähmbaren Programm, dessen Stärke und Klarheit mich überraschte. Schnell warf ich meine Jacke über und trat nach draußen in die wohltuende Frische des Abends. In der Dunkelheit blitzte der Gedanke an meine Eltern in mir auf, es war mir nicht mehr wichtig, sie über mein Fortbleiben zu unterrichten. Ich konnte nicht mehr umkehren, die wieder erwachte Lust riss mich unwiderstehlich fort.
Ich wusste nur ungefähr, wo Vera wohnte. Und dennoch schritt ich ohne Zögern, als müsste ich die Ahnung eines Rückziehers in mir im Keim ersticken, in das Neubaugebiet. Und jetzt, ausgerechnet jetzt, wo erste Fragen in mir laut wurden, was ich zu tun im Begriff sei, fiel mir ein, dass ich Vera bereits früher einmal gesehen hatte. Die Erinnerung daran, dass sie vor ein paar Wochen auf nachhaltige Weise meine Aufmerksamkeit erregt hatte, irritierte mich. Aber es lag nicht an dieser Szene, die nun wieder vor meinem geistigen Auge ablief, als sie mit einem guten Kumpel von mir heftig im Weizenfeld herumknutschte. Ich staunte vielmehr darüber, dass noch vor einer halben Stunde das gleiche Mädchen sich wie neu und unverbraucht in mein Leben schleichen konnte, ohne dass ich den leisesten Verdacht hegte. Ich hätte geschworen, es seien zwei Mädchen, zwei Veras, die mir in Abständen zufällig namensgleich über den Weg gelaufen waren.
Und nun war mir klar, es gab nur diese eine.
Erst jetzt zögerte mein Schritt, und er lud die Feigheit in mir ein, kaltblütig in meine Magengrube einzuschlagen. Doch ich war weit genug, um den Rest des Weges voranzustolpern.
Die Reihenhäuser standen noch ohne Charakter, aus den paar kümmerlichen Sprösslingen in den handtuchgroßen Vorgärten vermochte ich mir kein gewachsenes Straßenbild zu denken, und nachdem das erste Türschild mich kopfschüttelnd mit dem falschen Namen anschwieg, kämpfte ich bereits mit der Gelegenheit, auf der Stelle zurückzugehen und die Sache auf sich beruhen zu lassen. Nur zur Rechtfertigung meiner wahnwitzigen Unternehmung ließ ich einen zweiten Versuch zu, ich ging also über die Waschbetonplatten eines kurzen Gehweges auf das nächste Haus zu und dann hatte ich die Bescherung:
Grischkat, Anton, schlug es mir messinglaut entgegen. Das Feuerwerk an Gefühlen, das in mir abbrannte, blieb an den Innenseiten meiner Eingeweide hängen und verglühte in tausend Nadelstichen.
Vera Grischkat – ich wusste, dass sie so hieß; es war sicher, dass es dieses Mädchen gab, aber nun schien mir das Schild eine Lüge zu sein, eine absurde Gemeinheit. Ich war dort, wo das Dämonische mich hingezerrt hatte, allein, meine Gedanken weigerten sich, die Bilder zu sehen, die lebendige Menschen in dem Flur hinter dieser Aluminiumtür auf und ab gehen ließen. Vera war unter ihnen!
Mein Zeigefinger bekam andere Befehle, er scherte sich einen Dreck um meine irrsinnige Angst, ausgelacht und abgewiesen zu werden.
Dieser knöcherne Verräter folgte der dunklen Anweisung, endlich zur Sache zu schreiten.
Das schrille Schellen packte mich kalt am Rücken, noch war Gelegenheit, den neuerlichen Adrenalinschub für eine erfolgreiche, wenn auch unehrenhafte Flucht zu nutzen.
Da öffnete sich die Tür.
Vor mir stand ein stattlicher Mann in einem feinen Anzug. Seine Krawatte war gelockert, es sah aus, als sei er eben erst nach Hause gekommen. Ich glaube, er lächelte sogar, jedenfalls war er nicht abweisend oder gar bedrohlich. Denn so wenig ich mich auch selbst in der Gewalt hatte, vor einem grimmigen Zerberus wäre ich in die Knie gegangen, hätte irgendeinen Scheiß gestammelt und wäre wie ein geprügelter Hund davon geschlichen.
Veras freundlicher Vater war schuld, dass ich für einen Moment lang auftauchte und meine Nerven mich gewähren ließen: „Ist Vera da?“
Seelenruhig drehte er sich zum Flur hin und rief ihren Namen die Kellertreppe hinunter. Er sah mich überhaupt nicht mehr an, dieser Mann, dabei war ich im Begriff, mir seine geliebte Tochter zu krallen.
Für einen Augenblick überflog ich den leeren Hausflur, genug Zeit, um den nächsten Schub Zerrissenheit zu erleben, noch einmal vorauszuahnen, welche Schlappe ich mir im nächsten Augenblick blauäugig einhandelte. Als läge ich im Sterben, rasten hässliche Bilder der Folgen meiner Dummheit an mir vorüber, am widerlichsten war das dämliche Grinsen dieses schlaksigen Typen vom Martinszug.
Aber der Coup gelang.
Vera war federnd vor mir aufgetaucht und glitt ohne Zögern in ein gewinnendes Lächeln. Ihre Augen blitzten vor Neugier und Staunen, und das, was sie sagten, hätte ich ebenso gut in meinem Spiegelbild beobachten können.
Ich stellte also meine Frage mit der Selbstgewissheit eines Serienmeisters: „Gehen wir spazieren?“
Wir wussten beide, was zu tun war. Wir redeten kein Wort, während wir die flachen Einfamilienhäuser links und rechts passierten. Ich hielt ihre warme, kleine Hand fest und ließ mich auf einen störungsfreien und zweifellosen Datenaustausch ein, der mit Hochgeschwindigkeitsrate durch diese fiebernde Schnittstelle raste. Im Augenwinkel sah ich messerscharf ihr Gesicht. Jetzt, wo sie mir allein gehörte, war Vera abgöttisch schön. Im Hochgefühl eines Kantersieges blendete ich alles aus, was mir sonst zum Thema Mädchen zaudernd in die Quere kam. Tonlos gingen wir die Minuten entlang, ohne dass es ein Problem gewesen wäre.
Ich lenkte Vera in einen kleinen Pfad hinter eine Reihe von Fertiggaragen und verlangsamte den Schritt. Diesmal fiel ich widerstandslos in mein kochendes Blut und suhlte mich darin. Ich wusste, dass sie mitfiel.
Erst, als wir standen, schauten wir uns wieder an. Für einen kurzen Moment nur tasteten wir uns fragend mit den Augen ab, aber unsere Köpfe bewegten sich bereits aufeinander zu, ohne eine falsche Antwort abzuwarten.
Dann tranken wir. Wir ließen uns ineinander fallen und klammerten unsere Körper zusammen, die tastenden Hände suchten ruhelos auf unseren Rücken nach einem bisschen Halt, während wir uns dem freien Fall, der Schwerelosigkeit hingaben. Unsere Zungen spielten miteinander wie junge Hunde, sie verkeilten und lösten sich, kreisten verzweifelt schnell; wir wollten jede Empfindung, jedes Arom gleichzeitig und immer wieder genießen.
Dieser Kuss dauerte endlos. Es gab kaum merkliche Momente sinkender Frequenz darin; dies waren keine Pausen, sie sorgten lediglich dafür, dass unser Fest nicht in einem Krampf endete.
Veras Hände wühlten in meinen Haaren, ich spürte ihre erwachsenen Fingernägel auf der Kopfhaut und legte dies als Eindruck ihrer erotischen Überlegenheit in mir ab, um ihn später als Kronzeugen meiner Flucht wieder hervorzuholen. Solange wir schweigend nebeneinander gegangen waren, konnte ich, grandioser Verführer, den Sieg beanspruchen. Nun aber war dieser Überraschungsvorsprung aufgezehrt, und Vera gewann mit jeder Sekunde unseres hemmungslosen Spiels an Dominanz.
Noch erwiderte ich ihre fein tarierten Schritte zu einer nächsten Station, bis zu dem Moment, der in meinen pubertären Auseinandersetzungen mit den Mädchen unseres Dorfes noch nicht vorgekommen war. Ich spürte plötzlich ihre festen Brüste deutlich durch sämtliche Stoffe, als sei da nichts zwischen uns. Und ich musste mit anfühlen, dass mein Körper gedankenlos und die tausend eingetrichterten und umständlichen Erwägungen missachtend dem neuen Verlangen folgte.
Es war mir peinlich. Der Kuss brach so plötzlich ab, dass mir etwas Spucke das Kinn hinunterlief. Aber Vera behielt auch jetzt die Führung. Sie blickte mich in einer wunderbar unschuldigen Geilheit an, sie schenkte mir ein Lächeln, dass Danke und Bitte in einem war.
Stolz nahm ich die Wirkkräfte dieser Besänftigung auf und drückte zärtlich meine Lippen auf ihre, das Spiel begann von Neuem.
Wir standen eine halbe Stunde so, und wenn ich damals schon Milan Kundera gekannt hätte, ich wäre stehengeblieben, nur um ihn zu widerlegen. Aber ich kannte ihn nicht, wir reagierten beide also nach dem weiterhin gültigen Gesetz, wonach die „Leichtigkeit des Seins“ nach 30 Minuten eine Pause braucht.
Wir machten uns Hand in Hand auf den Rückweg. Nun flossen die Gedanken an diese unglaubliche Szene zwischen uns, aber noch waren wir zu berauscht, um die lästigen Fragen zuzulassen, die in uns lauerten und unscheinbar dahockten. Sie warteten geduldig auf ihre Zeit und müssen sich ihrer sehr sicher gewesen sein.
Als Veras Elternhaus in Sichtweite kam, wurde der Griff ihrer Hand fester. Wir schauten uns an, und wieder vereinbarten wir wortlos das Nötige. Unschlagbar waren wir in diesem Augenblick. Es gab niemanden auf der Welt, der uns daran gehindert hätte, erhobenen Hauptes um zehn Uhr nachts an dieser Tür vorbei zu gehen, noch einmal in einer verborgenen Ecke stehen zu bleiben und die kostbaren Schätze unserer gemeinsamen Erregung aufzufrischen. Wir erlebten es wie einen grandiosen Kinofilm, den man gleich ein zweites Mal besucht, um alles richtig verstanden und ausgekostet zu haben.
Und dieses Mal entkam ich nur noch knapp dem Schritt auf das geheimnisvolle, verbotene Terrain. Ein verspäteter Sendbote der Furcht nahm mir im letzten Augenblick die Kraft aus dem Arm, die Hand hatte sich bereits an die weiche Rundung ihres Busens herangetastet.
Dann wussten wir beide, dass der Film vorbei war.
Ob es je eine Wiederholung oder gar Fortsetzung gäbe, blieb offen.
Auf dem Heimweg jedenfalls war ich noch Manns genug, für Vera auch eine Verwendung am helllichten Tage zu denken.
Am nächsten Morgen jedoch hatte die Feigheit leichtes Spiel mit mir. Als ich in den Schulbus stieg, wartete Vera mit freigehaltenem Sitzplatz. Für sie war der gestrige Abend der zwar ungewöhnliche, aber umso triftigere Antrag gewesen, mit ihr, gehen‘ zu wollen.
Für mich war er, seit ich wach lag, ein Fanal. Alles, was ich heute darüber weiß, alles, was ich mir dazu verständlich mache, hat sich in diesen Morgenstunden zum ersten Mal in mir zusammengebraut und vorgestellt. Noch undeutlich, ohne feste Konturen und Vokabeln; aber der Ton, den ich klar und nachhaltig in mir schwingen hörte, hat seitdem seine Farbe nicht mehr geändert.
Es war ausgeschlossen, dass ich meinen vorabendlichen Triumph der Demontage des Alltags überließ. Er musste rein und strahlend bleiben. War er doch der Urmeter meiner sexuellen Existenz. So die offizielle Erklärung für meine Taktlosigkeit.
Mich ängstigte, vor allen Leuten bekennen zu müssen, Vera einem anderen ausgespannt zu haben, wenn nicht eindeutig geklärt war, dass sie auf der Skala der Mädchen im Dorf ganz oben stand. Diese billige und feige Erwägung war der eigentliche Grund. In keinem Gedanken erwähnte ich übrigens Monika, mit der ich ja zumindest offiziell noch zusammen war.
Ich nutzte einen Augenblick, wo Vera sich abwandte und überschlug ihren Marktwert. Sie sah im Tageslicht ebenso wenig perfekt aus wie alle anderen Mädchen, die ich leibhaftig kannte. Das genügte für den Diener vor meiner pubertären Arroganz. Kleinmütig unterwarf ich mich der eilfertigen Vorstellung gerümpfter Nasen meiner Kumpels.
Vera tat mir nicht einmal richtig leid. Sie schaute mich prüfend an, als ich nicht schnell genug den Unbeteiligten hinbekam. Und genauso, wie sie mein gestriges Vabanquespiel ohne Kommentar mitgetragen hatte, schwieg sie nun zu der Gewissheit, dass es eine zweite Seite dieser Medaille für sie nicht gäbe. Ich blieb im Gang stehen, und sie wendete ihren Kopf langsam und endgültig zum Fenster hinaus.
Heute denke ich anders über diese Frau.
Ich weiß nun, dass die Mädchen, die uns beim Eintritt in die Sexualität begleiten, nicht sang- und klanglos am Wegesrand liegen bleiben. Sie hinterlassen ewige Spuren in uns, selbst dann, wenn wir sie nicht, einer kindischen Sentimentalität gehorchend, aus dem Sandkasten heraus heiraten. Diese Mädchen brennen sich unauslöschlich in das Rezeptbuch unserer Wünsche ein, wenn wir ihnen gestattet haben, etwas Verbotenes mit uns zu tun. Der erste Zungenkuss, die erste zarte Berührung eines Busens oder Pos – sie werden zu unverzichtbaren Ingredienzien all unserer zukünftigen Begegnungen mit Frauen.
Wenn ihre köstlichen Gerüche und Geschmäcker dabei fehlen, vermissen wir sie und fühlen uns getäuscht. Eine unter solchem Verzicht eingegangene Verbindung ist reine Zeitverschwendung.
Aber Veras Beitrag zu meiner erotischen Disposition hat vor allem diese zweite Wesenheit: Ihr Name ist untrennbar verbunden mit dem Hasardeur in mir. Und jedes Mal, wenn die Zeit meines Schattens gekommen ist und mein Fieber mich aus dem Alltag reißt, geht Vera neben mir und feuert mich an.
„Du kannst es“, sagt sie dann, „geh und tu es!“
