
ISBN 978-3-89801-456-4 · 14,90 €
Mein erster Teil der Ahrtal-Trilogie
ist 2022 im Rhein-Mosel-Verlag erschienen. Er erzählt die Geschichte eines Winzers und eines Bäckers, die den scheinbar aussichtslosen Kampf gegen die Industrialisierung von Brot und Wein aufnehmen.
Alles Weitere findet Ihr auf der Webseite zum Buch.
Leseprobe
1 — Karl und Franz-Josef Weber
„So ein Schwachsinn!“ — Ausgerechnet jetzt hört Karl Weber die Stimme seines Bruders Franz-Josef. Klar und deutlich, als stünde er direkt neben ihm: So ein Schwachsinn!
Ausgerechnet jetzt, wo er zitternd und schwitzend sich gegen den Stiel seiner Hacke biegt, mit ganzem Körpergewicht einen Hebel ansetzt wider diesen uneinsichtigen Findling da unter seinem Fuß, tief verwurzelt in der grusig-schiefrigen Erde. Der hustet ihm was. Bewegt sich keinen Millimeter. Karl entfährt ein Ächzen, er löst langsam die Spannung aus dem Eschenstiel und sinkt erschöpft in die Knie. Sofort steht Poldi, der alte Jagdhund, in Habt-Acht. Regungslos hatte er das Gewühle seines Herrchens beäugt; nun sieht er die Chance, ein wenig Aufmerksamkeit abzugreifen.
„So ein Schwachsinn? Von wegen!“, wendet Karl sich an den einst talentiertesten Fährtensucher im Kreis. Knetet empörte Entschlossenheit in das kurze, raue Fell des Terriers: „Und wenn ich den kompletten Boden ringsherum ausschaufele, dieses störrisch-widerspenstige Geklumpe; und wenn ich den ganzen Tag wüte: Dieses Grauwacke-Monstrum hindert mich nicht daran, meinen Plan zu vollenden. Das wird der Paradestein in meiner Mauer!“ Poldi knurrt zufrieden. Der einzige Jagdhund im gesamten Kreis Ahrweiler mit einem Eintrag im AW-Wiki blinzelt in die schräg stehende Sonne. Dieser Tag lässt sich gut an.
Den neuen Weinberg hoch über der Schieferley noch in diesem Frühjahr zu vollenden, so lautet Karls Plan. Eingefasst und gehalten von einem Dutzend kleiner Trockenmauern. Nach alten Vorbildern hat er sie gebaut. Denselben Prinzipien, nach denen schon die Mönche und Nonnen im Mittelalter den steilen, unwirtlichen Hängen im Ahrtal Morgen für Morgen abgerungen und fruchtbaren Boden daraus geackert haben; kunstvoll angeordnete Terrassen weben, wie mit den Felsen verwachsen, ein steinernes Netz in den Hang und unterwerfen ihn dem Willen des Winzers. Kleinste Parzellen, die wie Schwalbennester aneinandergeduckt sich an den Berg drängen und neuen Rebkulturen Heimstatt und Nahrung sind. Trockenmauern sind für Karl mehr als elastische Gebilde zur Befestigung von Erdreich. Sie sind Ausdruck einer Jahrtausende alten Kultur, die Funktionalität mit Ästhetik verbindet. Bewunderer nennen sie ehrfürchtig „Chöre“.
Terrassenweinberge erzeugen ein bodennahes Mikroklima, das mit dem eines gemeinen Rebhangs nicht zu vergleichen ist. Sie sind Burgunderstandorte par excellence: Erhöhte Wärmespeicherung, langwellige Wärmeabgabe bis in die Nacht und verbesserter Windschutz durch hangparallele Zeilung führen zu einer längeren Vegetationsperiode und auch späte Trauben zur Vollreife. Nicht zuletzt bieten die ohne Mörtel sorgsam aufeinandergeschichteten Mauern einer vielfältigen Tier- und Pflanzenwelt Lebensraum, wie er sonst nur im Mediterranen zu finden ist: sonnenbetankte Steinflächen mit schattigen Fluchtritzen und Hohlräumen.
Aus kaltem, abweisendem Gestein formt Karl einen edlen Weinberg. Und bestellt ihn wie Dutzende seiner Vorfahren: naturnah und gottesfürchtig. In die fertigen Chöre hat Karl Erde und Dünger eingebracht, junge Reben gepflanzt, sie gehegt und gepflegt, gehütet und versorgt. Wille des Schöpfers. Für Karl ist das Schleppen und Schichten, das Ausschachten und Verfüllen keine Arbeit, die er als Pflicht oder zum Broterwerb ansieht. Es ist Ausdruck seiner menschlichen Existenz. Nicht umsonst, glaubt er, wurde Weinbau lange von den Mönchen betrieben. Ora et labora. Arbeit im Weinberg ist kein Müssen, sondern ein Wollen und Dürfen, Vollendung eines schöpferischen Plans.
Manche Historiker meinen, die Römer hätten den Weinbau an die Ahr gebracht, verweisen dabei auf die lateinische Herkunft vieler Ortsnamen und Flurbezeichnungen. Andere datieren den Beginn mit den Franken, die vom Niederrhein nach Süden stießen. Urkundlich bestätigt ist der erste „Weinberg ad Aram“ im Jahre 770, und das Güterverzeichnis der Reichsabtei Prüm verzeichnet ab 893 Abgaben von Winzerhöfen im Ahrtal. Im Mittelalter, der ersten Hochzeit der Rebkultur im Ahrtal, wurde diese von Domstiften und Klöstern betrieben. Sie stauten die Ahr zu kleinen Seen auf, um die klimatischen Bedingungen den natürlichen an Rhein und Mosel anzupassen. Sicher regulierten sie damit auch die zerstörerische Kraft der immer wieder auftretenden Hochwasser. Die Säkularisierung verweltlichte auch die Antriebskräfte in der Landwirtschaft. Darin sieht Karl ein Fanal. Der Weinbau verliert seine transzendente Kraft, geschieht er allein aus ökonomisch-rationalen Motiven. Darf man es „Arbeit“ schimpfen, in der Frühe des anbrechenden Tages der nackten, kalten Erde zum Leben zu verhelfen, die ihr innewohnenden Kräfte zu wecken und ihre Fähigkeit zur Entfaltung höchster Genüsse zu ordnen, und sei es noch so anstrengend?
Vielleicht. Wäre Karl Angestellter einer Genossenschaft, nach Stunden und Minuten bezahlt, auch er betrachtete wohl die Plagen und Strapazen seines Berufs als ein endliches, materiell fair zu entlohnendes Opfer. Und er läge womöglich ein paar Stunden länger in den warmen Federn, beschwichtigt in dem Glauben, Sinn und Lebensfreude seien danach zu bemessen, wie oft und für wie lange wir dem lieben Gott den Tag stehlen.
Stattdessen beschenkt der Winzer sich seit dem letzten Jahr mit einem ganz besonderen Frühburgunder, den er Rotley nennt. Schon bald wird er sein Werk vollenden und das letzte störrische Stück Erde des Steilhangs in Weinbergsboden verwandeln. Die fertige Parzelle kalkuliert Karl mit insgesamt 300 Stöcken. Genug Most für zwei kleine Fässchen und einen neuen unverwechselbaren Tropfen Dernauer Provenienz.
Frühburgunder Rotley. Mit diesem Namen sollen Weinenthusiasten jene spezielle, unverwechselbare Verbindung aus Rebe und Gewann im Schieferley assoziieren, dessen Terroir sich durch eine rötliche Färbung von der Umgebung unterscheidet.
Der Blaue Spätburgunder gilt als Leittraube der Ahr. Betrachtet man den Anteil der Rebstöcke, die hier in seinem Namen wachsen und gedeihen, ist nichts dagegen einzuwenden: Der „Pinot noir“ bedeckt zwei Drittel der Weinbergsböden links und rechts des Flüsschens. Für Karl ist der Frühburgunder der eigentliche König des Tals. Mehr noch als sein großer Bruder verkörpert diese Traube den Charakter des Anbaugebietes. Nach den Ergebnissen der jüngsten Forschung mutierte der erste Frühburgunder auf dem Bachemer Karlskopf, nicht einmal zehn Kilometer von Karls Elternhaus entfernt. Ursache war die „kleine Eiszeit“. In dieser über hundert Jahre andauernden Periode relativ kühlen Klimas in Europa fielen die Durchschnittstemperaturen merklich. Für die nördlichen Weinbauregionen wie die Ahr war dies fatal. Die Spätburgundertrauben blieben im Wachstum zurück. Umso dankbarer entdeckten Bachemer Winzer an einigen wenigen Stöcken vollreife Trauben und vermehrten sie. Und sie hielten dem „Früh“-Burgunder die Treue, als es wieder wärmer war. Bis heute. Obwohl der „Pinot précoce“ sehr viel Pflege braucht und vergleichsweise geringe Erträge liefert.
Aber er belohnt die Ausdauer und Ergebenheit der Weinbauern mit samtigen, vollmundigen Rotweinen von betörender Frucht.
Karls Plan hat „wissenschaftliche Segnung“. Die bewaldete Kuppe direkt über der Rotley sei von eisenhaltigen Adern durchzogen und schwemme langsam und kontinuierlich Spuren des Minerals ein. Das hat ihm ein Geologiestudent aus Bonn berichtet, der seit kurzem im Ahrtal herumstreift und merkwürdige Fragen stellt. Und ebenso denkwürdige Antworten gibt. Er vermute dort Klerfer Schichten, wie Geologen den fossilfreien Teil des Unter-Ems bezeichnen; die malerischen Rostmuster seien jedenfalls typisch. Ronny Dorff, so hatte er sich vorgestellt, sei ein Zugezogener — und wieder nicht. Denn „eigentlich“ war, nein, ist er ein Ahrweiler Junge, und genauer: ne Ovehödde Jong. „Eigentlich“ wollte Ronny sich nach dem Abi frischen Wind um die Nase wehen lassen, raus aus der Enge des Tales und hinein in die Gerüche und Geschmäcker einer Großstadt. Mit Feuer hatte er sich ein- geschrieben am Geologischen Institut in Köln und mit Flamme in das Nachtleben der Domstadt gestürzt. „Eigentlich …“
Dann war seine geliebte Oma gestorben und hatte ihm das Fachwerkhäuschen in der Oberhut hinterlassen. Die vier Huten, fiskalische und Wehrgemeinschaften des mittelalterlichen Städtchens, wurden zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts mit karitativem Anspruch wiederbelebt. Noch heute besteht zwischen ihnen, vor allem unter den Junggesellen, eine herzliche Rivalität. „Eigentlich“ war „Omas Butze“ ein Fall für ImmoScout24 oder für die Abrissbirne. Ihre abenteuerlich schiefen Streben, Riegel und Stürze sind beredtes Zeugnis jener Zeiten, in denen Ahrweiler Bürger ihr kostenloses Holz aus dem Stadtwald in Jahresfrist verbauen mussten, um nicht das Recht darauf zu verlieren.
Aber keine Millisekunde hielt sich der Anflug eines Gedanken, das historische Gebäude, seit zig Generationen im Familienbesitz, eines der wenigen Unversehrten beim großen Stadtbrand anno 1689, zu verkaufen. Und bevor Ronny sich’s versah, lebt er wieder in dem 800 Jahre alten Mauerring der Kreisstadt, in viel zu niedrigen und viel zu engen Räumen, die ohne jede Veränderung sind, seit er sie mit tapsigen Kinderschritten erkundet hatte, und die ohne jedes Zutun zu einem perfekten Museum taugten.
„Ronny Eigentlich“ — so hatte Karl ihn lachend tituliert, bevor er den Studenten vor ein paar Wochen mit in den Keller nahm. Denn „eigentlich“ ist der Student ein Meister des Understatements. Käme nie auf die Idee, sich auf sein enormes Wissen etwas einzubilden. Und so beginnt er gerne einen Satz mit demütigem „eigentlich“, selbst wenn er zu hundertundeins Prozent von der Sache überzeugt ist. „Kann ich helfen?“, waren seine ersten Worte zu Karl, als er den Winzer an einem nasskalten Januartag beim Biegen des Rebholzes traf. „Eigentlich“ wisse er, wie das geht, und um das elastische Holz des Burgunders; dass es besser sei, ihn „mit dem Wind“ zu biegen. Karl sah die ersten Handgriffe des merkwürdigen Kauzes und ließ ihn gewähren.
Im Gewölbe der Webers erzählte der Student später so lebendig von seinem Blog über Wein und Geologie, dass Karl eine nie erlebte Ahnung davon bekam, was Seelenverwandtschaft bedeutet. Nach der dritten Probe, einem Grauburgunder aus dem Burggarten, gewachsen auf Sand, Lösslehm und Ahrkies, öffnete Karl dem Jungen sein Herz.
Mit Benedikt Dutsch, dem verschrobenen Dernauer Winzer, der seinen Ruhestand hoch oben über der Steinbergsmühle in einer alten Wingerthütte verbringt, haben die beiden sogar einen gemeinsamen Bekannten. Das erfuhr Karl bei der fünften Probe, einem Spätburgunder Hardtberg vom neuen Jahrgang, Grauwacke mit fetten Lehmanteilen, direkt aus dem Stückfass — herrlicher Vermittler zwischen kühler Eleganz und üppigem Bukett.
Direkt vor der siebten Probe, dem großen Finale, 2003er Pfarrwingert Goldkapsel aus der gut behüteten und dreimal verschlossenen Schatzkammer des Winzerhofs Weber, stand plötzlich Franz-Josef im Keller. Geschlagene zweieinhalb Stunden hatte Karls älterer Bruder auf dessen Rückkehr gewartet. Und nun fragte er sich mit ungläubigem Blick, ob dieser Träumer die ganze Zeit mit einem Wildfremden weinselig beieinander gesessen und gefachsimpelt hatte. Und während Karl und Ronny die Feinheiten des körnigen Trümmersediments aus Grauwacke und Schiefer auf ihren Zungen zu entschlüsseln suchten, schüttelte Franjo nur den Kopf und flehte die Augen zum Himmel. Aber der liebe Gott weigerte sich zu antworten …
Den lieben Gott wähnt Karl eher auf seiner Seite. Denn Wein ist für ihn ein biblisches Getränk. Die Aufgabe des Winzers besteht darin, die natürlichen Gegebenheiten mit Fleiß und Demut zur Vollendung zu bringen. Großen Jahrgängen zur Geburt zu verhelfen, den besonderen Duft und Geschmack einer Lage und — im Idealfall — eines einzelnen Gewanns erklingen zu lassen; penibel herauszuarbeiten, womit der Herrgott Jahr für Jahr jedes Fleckchen Weinbergserde gesegnet hat. Und immer bereit sein zu akzeptieren, dass es bei aller Sorgfalt und Pflege Missernten und Reinfälle geben kann.
Karl betrachtet diese Demut nicht als Schwäche. Für ihn ist das bedingungslose Eintreten für Unverwechselbarkeit und Unverfälschtheit der einzige Weg, um den Ahrweinbau vor dem Schicksal zu bewahren, im Meer industrieller Massenweine unterzugehen. Schärfung der vielfältigen Lagenprofile und Verzicht auf Egalisierung und Verallgemeinerung — das ist aufwändig und teuer. Und keine Selbstverständlichkeit mehr. Weder im Ahrtal noch im Winzerhof Weber. Ginge es nach seinem Bruder, hätte Karl diesen „elitären Schwachsinn“ mit der Rotley gar nicht erst angefangen …
Zwei Mal schlägt die Turmuhr von Sankt Johannes Aposteln. Halb Acht. Karl nimmt einen Schluck Tee aus seiner Thermoskanne und schaut hinunter auf den Ort. Das schläfrige Dernau räkelt sich langsam aus einem Kokon von Frühnebelschwaden. Auf der gegenüberliegenden Talseite, über dem Krausberg, hinterleuchtet die Sonne die Szenerie, zart hingehaucht wie von einer Aquarellistin. Majestätisch zeichnet sich der Aussichtsturm des Eifelvereins davor ab. Reglos ruhen die Weinberge. In den Steillagen, die den Ort umschließen, warten die himmlischen Kräfte der Natur auf das Zeichen. Noch starren die abertausenden grauschwarzen Rebstöcke in einer leblosen Grafik.
Karl lässt das Gemälde eine Weile auf sich wirken. Als er heute Morgen in aller Frühe von Zuhause aufbrach, rechnete er insgeheim damit, mit solchen Bildern belohnt zu werden. Das ist der Vertrag: Seine knochenharte Arbeit, sein nimmermüder Einsatz als Weinbauer bringt — kalkulierte man es ohne jede Schönfärberei — um die fünf Euro pro Stunde. Aber sie schenkt ihm unzählige dieser Momente. Wie wertvoll sind Karl die Stunden in der Natur, hoch über seinem Geburtsort, hoch über seiner Heimat, die sich ganz und gar, wie eine Geliebte, unter ihm hinschmiegt, und die ganz und gar ihm vertraut und gefahrlos entgegen flüstert: Das ist das, was du willst. Das ist dein Leben.
