
Bestellnummer E 359, Preis 14.50 €, Mindestbestellmenge 11 Stück
Mein „Jugendstück“
Mein Theaterstück Eddi und die große Wut ist 1996 beim Deutschen Theaterverlag erschienen – und wurde unter anderem in der Namib High School und im Theater Brunnen am Vierwaldstättersee gespielt.
Zum Inhalt:
Der alte Künstler Eduard Lommel lebt zurückgezogen in einer stillgelegten Ziegelei. Die Schinken, die er malt, sind auf dem Kunstmarkt längst nicht mehr gefragt. Sein Galerist, der etwas flippige Sven Knödler, hält zwar noch zu ihm. Aber eines Tages benötigt er dringend die 30.000 Mark, die Eddi ihm noch schuldet. Eddi entschließt sich also schweren Herzens, „modern“ zu werden. Noch bevor er allerdings seine zweite Karriere beginnen kann, trifft ihn der zweite Schlag: Die Ziegelei soll abgerissen werden; auf dem Gelände soll ein Einkaufszentrum entstehen. Nur gut, daß es die Gymnasiasten gibt: In Fritz, Gerdi, Nadia und Rita hat der Künstler echte Freunde. Sie schaffen sogar Eddis erstes modernes Werk und nennen es „Die große Wut“. Und es gelingt ihnen, mit Witz und Einfallsreichtum gegen die Baulöwin Schuckert-Dingeldey und ihre Freundin, Baureferentin Lindemann, zu bestehen: Die Ziegelei bleibt stehen, und Eddis Zukunft ist gerettet. Und ganz nebenbei schafft es Fritz, daß Gerdi sich endlich für ihn interessiert.
Leseprobe
1. Bild, 1. Szene
(Das Innere einer alten Ziegelei. Drei oder vier hohe Stellwände fügen sich zu einer unverputzten Wand aus Backsteinen in vielen Rottönen. Durch ein hohes Rundbogenfenster dringt viel Licht in das Innere. Die Glasscheiben sind teilweise ausgebessert. Rechts eine Stellwand mit Tür, die so abgewinkelt steht, daß man zwar die Tür von innen sieht, aber dennoch außerhalb einige Figuren davor sichtbar agieren können. Die Innere der Ziegelei ist im linken Teil mit einer Trennwand unterteilt; links davon befindet sich ein kleiner Schlafraum mit beliebigem Mobiliar, wo man sich verstecken kann. Der „Wohnraum“ ist spartanisch eingerichtet: Eine alte Couch, ein Tisch, ein paar Stühle. Eine Staffelei mit einem fast fertigen Landschaftsbild in der Ecke, vom Fenster her fällt Licht darauf; mehrere alte Ölschinken lehnen an der Wand. Eine Kommode mit Malerutensilien, die auch hier und da im Raum herumliegen. Auf einem Tisch ein Zweiplattenherd, etwas Geschirr. Eduard Lommel (Eddi), bekleidet mit farbverschmierter Hose und Kittel, kramt in einer der Schubladen herum. Aber er scheint nicht das zu finden, was er sucht.)
EDDI:
Wo zum Teufel ist das Tannengrün?
Anthrazit!
Ultramarin!
Ocker!
Alles vertrocknet!
Aber Tannengrün? Nicht ‚mal das!
Überhaupt nicht da.
(Eddi dreht sich zum Publikum.)
Es ist zum Verzweifeln. Was macht ein großer Landschaftsmaler ohne Tannengrün?
(Er sucht weiter.)
Bürsten!
Federn!
Breite Pinsel, schmale Pinsel!
Alles da! Nur kein Tannengrün!
(Plötzlich hält Eddi inne. Er hat einen abgewetzten Skizzenblock in der Hand und betrachtet ihn träumend. Er bemerkt nicht, daß der Galerist Sven Knödler leise die Ziegelei betreten hat.)
Hah! Mein erster Skizzenblock im Exil. Dänemark 1938. Mein Gott, ist das lange her. Eine Ewigkeit. Die Schären. Meer, überall Meer. Und Birken. Diese Stille. Und das Licht. Überirdisch. Ja, das Licht war überirdisch. Ein Traum.
(Eddi entdeckt Knödler. Er erwacht ziemlich unsanft aus seinem Traum. Vor Schreck wirft er den Skizzenblock in die Luft; Knödler fängt ihn auf.)
KNÖDLER:
Hoppla! Zum Wegschmeißen ist deine Kunst nun doch nicht.
EDDI:
Sven Knödler. Der einzige Mensch, der noch an mich glaubt. Und der einzige Galerist auf diesem Planeten, der weiß, was wahre Kunst ist.
KNÖDLER:
Naja, nicht der Rede wert. Was höre ich da: du warst im Exil?
EDDI:
Ach, vergiß‘ es. Aus, vorbei.
KNÖDLER:
Warum hast du mir nie davon erzählt?
EDDI:
Wen interessiert das schon?
KNÖDLER:
Du bist gut. Die Biografie eines Künstlers ist oft interessanter als seine Werke.
EDDI:
Dan-ke!
KNÖDLER:
Also, was hat dich nach Dänemark verschlagen? Ich dachte, du bist nie aus diesem Kaff hier herausgekommen.
(Eddi geht schweigend ins Nebenzimmer.)
KNÖDLER:
Eh, ich rede mit dir!
(Der Künstler kommt mit einem Bild wieder, welches einen Werktätigen zeigt, muskulös, entschlossen.
Darüber eine Parole in Riesenlettern: „Arbeiter! Wehrt Euch!“)
KNÖDLER:
Du hast…?
EDDI:
Ja, ich habe für die Arbeiterbewegung gemalt. War sogar eine Zeitlang bei den Kommunisten. Aber die waren auch nicht besser, die haben genauso gelogen wie die Nazis. Eduard Lommel, das war einmal eine Adresse auf dem deutschen Kunstmarkt!
KNÖDLER:
Wieviele hast du noch davon?
EDDI:
Keine Chance, Herr Galerist. Alle anderen wurden verbrannt. Das ist mein letztes. Also unverkäuflich.
KNÖDLER:
Komm. Ein Künstler, der anfängt, für sich selbst zu malen …
EDDI:
… ist was?
KNÖDLER:
… ist kein Künstler mehr!
EDDI:
Das kann nur jemand sagen, der kein Künstler ist. Weißt du nicht, daß Kunst oft reine Selbstbefriedigung ist?
(Er zeigt auf das Landschaftsbild auf der Staffelei.)
Das da. Das kannst du unter die Leute bringen.
KNÖDLER:
Unter welche Leute? Eddi, du weißt, daß „das da“ seit langem nicht mehr geht!
EDDI:
Dann ist dein Marketing falsch!
KNÖDLER:
Natürlich. Alle Leute wollen deine Bilder. Sie sind ganz wild danach.
Sie wissen nur nicht, wie sie dran kommen sollen. Aber wenn sie wüßten, daß die Galerie Knödler voll davon hängt!?
EDDI:
Voll davon hängt!? Sie vergammeln in einem Hinterzimmer. Dabei ist das alte flämische Tradition. Fast nicht zu unterscheiden von einem Bruegel! Da! Faß mal an. Drei, manchmal vier Schichten. Wo gibt es das heute noch? Eh, was ist denn auf einmal los mit dir?
KNÖDLER:
Nichts ist. Nur, ich verkaufe so gut wie nichts. Das einzige, was geht, sind Kunstdrucke und Repliken. Von dir habe ich doch seit Jahren nichts an den Mann gebracht.
EDDI:
Danke für deine Treue. Du willst mich also loswerden. Tu dir keinen Zwang an. Ich bin dir nicht ‚mal böse. Ehrlich.
KNÖDLER:
Ich will dich nicht loswerden, Eddi. Aber mein Vater … Er sagt, es sei an der Zeit, daß ich auf eigenen Füßen stehe: „Entweder die Galerie wirft endlich Gewinn ab – oder sie wird geschlossen!“ Es tut mir leid, Eddi, aber die dreißigtausend, die du noch bei mir offenstehen hast … ich brauche sie.
(Eddi denkt nach, dann holt er seine leeren Hosentaschen hervor.)
EDDI:
Da! Greif zu! Was soll ich tun? Ich kann nicht mehr als arbeiten.
KNÖDLER:
Eddi!?
EDDI:
Da, nimm‘ alles mit. Mehr habe ich nicht.
KNÖDLER:
Eddi, wann begreifst du endlich, daß deine Schinken out sind?
(er zeigt auf die Staffelei)
Für das Teil da bekommst du auf dem Flohmarkt mehr als auf einer Kunstauktion.
Also schön, neunundzwanzigtausendachthundert. Wenn es trocken ist, hole ich es ab.
(Eddi drückt ihm das Arbeiterplakat in die Hand.)
EDDI:
Was ist es wert? Ich male dir hundert davon. Die Schulden müssen jedenfalls weg.
KNÖDLER:
Ach, Eddi. Das eine, ja: Sammlerwert. Vielleicht bringt es zweitausend. Aber was ich brauche, ist …
EDDI:
Ich weiß schon, „modern“ ist angesagt. Ich habe dir schon gesagt, mit mir nicht.
Ein Eduard Lommel läßt sich nicht verbiegen! Für mich kommt Kunst immer noch von Können. Schau‘ Sie dir doch an, diese Möchtegern-Künstler.
(Eddi ist ans Fenster getreten und schaut hinaus.)
KNÖDLER:
Weißt du, was du bist? Ein sturer Esel. Jawohl. Das bist du! Und sowas von spießig! Du hast ja keine Ahnung, was da draußen in der Zwischenzeit vor sich gegangen ist: Der Kunstmarkt ist explodiert. Da werden Bilder gemalt, die … … packen dich hier! Farben, die du noch nie gesehen hast. Ochsenblutrot und Pechschwarz. Kiloweise. Ein Rausch. Alles zerfließt. Eddi, ich glaube dir nicht.
(Eddi versteht nicht)
Das da: das bist du nicht mehr. Du hast es nur noch nicht begriffen. Mal endlich das, worum es dir geht! (Eddi braucht eine Weile, aber dann:)
EDDI:
Also schön. Ich versuch’s.
KNÖDLER:
Ist das dein Ernst?
EDDI:
Aber ich brauche einen Vorschuß. Sagen wir fünfhundert.
KNÖDLER:
Waass!?
EDDI:
Leinwände, Farben. Kiloweise. Hast du selbst gesagt!
(Knödler zieht sein Portemonnaie und gibt Eddi ein paar Scheine.)
KNÖDLER:
Du Erpresser.
(Eddi legt die Scheine auf die Kommode.)
EDDI:
Paß‘ auf, was du sagst. Es wird deine beste Investition seit Jahren!
(Knödler verschwindet.)
Jawohl. Morgen hole ich alles zusammen. Und dann feiert die Kunstwelt die Wiedergeburt des Eduard Lommel!
